Die Rezension

Das Hauptproblem einer Rezension ist, dass diese in Dialog mit einem anderen Kulturgut tritt – der Rezensent misst sich also mit einem Künstler und sollte dessen Werk mit seiner Rezension wenigstens ansatzweise gerecht werden. Einem Kulturgut gerechtzuwerden ist viel schwieriger, als die Realität in einem Bericht oder in einer Nachricht darzustellen.

Nötig ist Distanz zum rezensierten Gegenstand. Man kann mit Liebe oder Hass zum Objekt oder Subjekt keine angemessene Rezension verfassen.

Meist hilft, um ein Buch an den Rezensionsleser heranzutragen: vom Konkreten ins Allgemeine. Also mit irgendeinem prototypischen Element des Werkes anfangen und sich darüber zu seinem Gesamtanspruch vorarbeiten und zu der Frage, ob es den Anspruch erfüllt.

Eine Beispielrezension nach der Umarbeitung [Kommentare in eckigen Klammern]

Jenseits der Stille [schöner Titel]
Wer kennt die peinliche Situationen nicht, in denen auf eine Frage des Dozenten gähnende Stille herrscht? [Allgemeinplatz, aber gerade noch ok. – siehe „Textanfänge“] Dem soll das neuste Werk von Gloria Beck Abhilfe schaffen. In ihrer Gebrauchsanleitung „Rhetorik für die Uni“ gibt die ehemalige Dozentin Tipps und Beispiele, um genau solche peinlichen Stillen [Wortspiel zur Aufmerksamkeitssteigerung] zu vermeiden: egal ob in Uni-Diskussion, mündlicher Präsentation oder Prüfung. [die Fakten nach Interesse sortiert – Werk – Wer/Autor – Titel – Autor-Info/-Qualifikation – Rückbezug zur Einleitung – Nützlichkeit für Zielgruppe; ist keine universelle Reihenfolge, aber bei einem Absatz, der das Werk erst mal vorstellt, durchaus praktisch] Auch die weitverbreitete Redeangst und die Kunst guter Mitschriften thematisiert die Rhetorikspezialistin. [Redeangst wird betont, und es gibt kaum substantivierte Verben]
Zur besseren Übersicht teilt sie mündliche Beiträge in einem Seminar in Motivations-, absichernden-, Kreativbeitrag und ähnliche Kategorien ein. [das waren die erwähnten Beispiele für konkret > abstrakt] In der Praxis ist die Klassifizierung etwas übertrieben, aber die Studenten haben das Rhetorikbuch wohl kaum im Seminar kochbuchähnlich neben sich liegen, um die nächste nützliche Zutat für ein gelungenes Diskussionssüppchen auszuwählen. [schönes Sprachbild] Außerdem bemerken Dozenten schnell, wenn die Studenten nicht ihre eigene Sprache sprechen. [nützlicher Tipp aus dem Buch aufgegriffen]
Die Stärken des Rhetorikbuches sind seine Verständlichkeit und zahlreichen Beispiele. [jetzt erst allgemeine Aussagen über das Buch] Gloria Beck argumentiert sehr studentenfreundlich und kritisiert, wo Kritik angebracht ist. Bemerkungen über „miese Prüfer“ erfreuen die Studentenherzen, verkommen aber nicht zur Anbiederei. [und wieder ein paar halbkonkrete/allgmeine] Beigefügte Umfragen unter Dozierenden liefern außerdem hilfreiche Einblicke in die unerforschte Bewertungswelt der Uni. [Unterstreichen des Gebrauchswertes]
Der mehrmals angeführte Tipp, den persönlichen Nervgrad bei eigenen überlangen Redebeiträgen außer Acht zu lassen, dürfte bei sozial gesinnten Studenten auf Missmut stoßen. Aufmerksamkeit des Dozenten zu erheischen, ist eben nicht alles. [eine inhaltlich teilweise Distanzierung vom Buchinhalt, die nett formuliert ist] Insgesamt ist es ein empfehlenswertes Buch, nicht nur für Erstsemester und Sprechneurotiker. [schöner Schlusssatz: Fazit und Wortbewusstsein]

Werde dir über deine eigene Position zum Buch klar und behalte diese konstant bei – Herumlavieren und -relativieren ist zwar postmodern en vogue, aber bei der Länge solcher Texte schwerlich möglich und nur in einem von zehn Fällen tatsächlich berechtigt (wenn es denn erreicht wird, was noch seltener geschieht).

Solltest du feststellen, dass das Buch reine Zeitverschwendung ist (also einen Verriss schreiben wollen) – für Verrisse ist der Platz meist zu schade. Ausnahme: Der Autor hat für die Zielgruppe der Publikation eine Relevanz und diskreditiert sich und seinen Ruf mit dem Buch.

Diese Reflexion über die eigene Haltung und diese Distanz ist von einer Rezension zu erwarten, zumindest sollte das ihr Anspruch sein. Wenn du zwiespältig bist, sollten diese zwei Pole, zwischen denen es laviert, herausgestellt werden: also beispielsweise problematische Alltagsplattitüden und daneben kluge Gedanken in einem Ratgeberbuch, die den Leser anregen. Weniger induktiv, vielmehr den Leser führen bei der Argumentation. Also nicht; Gedanken einfach nebeneinandersetzen, sondern sie miteinander verknüpfen.

Das Schema F muss der Rezensionsautor beherrschen, um daraus auszubrechen (siehe die Regeln). Von einer Rezension erwartet der Leser folgende Antworten (bzw. fände es wichtig, dass der Großteil beantwortet wird):

  • Wer ist der Autor? mitunter: Was qualifiziert den Autor zu diesem Werk
  • Worum geht es in dem Buch allgemein? evtl. wie ist es aufgebaut?
  • Was kann mir das Buch konkret geben? (Beispiele)
  • Wie leicht/schwer zugänglich ist es für den Leser? Welche Zielgruppe wird anvisiert? Wird diese evtl. besonders berücksichtigt?
  • Erfüllt es seinen eigenen Anspruch?
  • Würde es der Rezensent auch privat empfehlen oder findet er es nur professionell gut?
  • Besondere Highlights/Tiefschläge?
  • Kontext, Hintergrund, Vorwissen (ist es das 857. Buch in einer Reihe, etc.)

Die meisten Antworten finden sich indirekt in einer Rezension, aber wenn ich nach dem Lesen einer Rezension als intelligenter Leser kaum eine dieser Fragen wenigstens ungefähr beantworten kann, dann läuft etwas schief.

Von einem Rezensenten wird auf der einen Seite fachliche Neutralität und auf der anderen Seite persönliche Stellungnahme erwartet. D.h. der Rezensent will entweder ein Buch empfehlen, abempfehlen oder ist sich nicht sicher – das verrät er üblicherweise alles erst am Ende (oder setzt ganz provokant einen Anfang, wo er das thematisiert). Mit dieser Haltung sortiert er dann seine Fakten, die er sinnvoll strukturiert. Bei der Faktenpräsentation sind nur gelegentliche persönliche Schlenker erlaubt. Am Ende muss der Leser die Einschätzung vom Rezensenten nachvollziehen können. Im Prinzip ist es wie eine Kurz-Erörterung in der Schule.

Schema F:

  • Thema (ein Absatz über das Werk, ggbf. Autor, kurze Zusammenfassung): Worum geht es überhaupt
  • Konkrete Einführung in das Werk: Worum geht es konkret? Beispiele.
  • Allgemeine Beobachtungen: Worum geht es allgemein? (und dabei zunehmend konkreter werden, wenn möglich)
  • Schlussfolgerung: Wie ist meine Haltung dazu?

Diese Bereiche sind frei miteinander austauschbar, wenn der Rezensent damit gut spielen kann.

Ab 800 zeichen ist eine Rezension eine Rezension und keine reine Vorstellung mehr. Rezensionen sollten „spannend“ geschrieben sein: mit einem verführerischen Einstieg, klugen Beobachtungen, unterhaltsamer Sprache und Nützlichkeit (entweder ist das Buch als solches nützlich – warum?; oder ein nützlicher Gedanke wird aufgegriffen). Gerade beim nicht-Feuilleton ist die Gefahr groß, dass die Leute beim Lesen abspringen. Gib ihnen nie einen Grund dazu! Sorge also dafür, dass der Leser immer genau weiß, wie die Gedanken und Informationen zusammenhängen, dass sich alles organisch auseinander ergibt und die Weiterleselust regelmäßig neu geweckt wird. Kleine (gute!) Wortspiele oder sprachliche Spitzfindigkeiten können dazu ebenso beitragen wie eine scheinbar paradoxe Erzählweise oder ketzerische Positionen.

Noch eine Beispielrezension (Kommentare in eckigen Klammern)

Alles Schlechte ist gut für dich … [scheinbar paradoxer Titel]
… so lautet die Übersetzung des Originaltitels von Steven Johnsons neuem Buch, der sich mit „Interface Culture“ als kenntnisreicher Autor empfahl [Autor – Werk – Autor-Hintergrund]. Der amerikanische Kulturwissenschaftler erklärt nun, Fernsehen und Computerspiele wirken längst nicht so verblödend und unsozial, wie es oft behauptet wird. [des Autors These, die hoffentlich irritiert und zum Weiterlesen motiviert]
Er untersucht ältere und jüngere Fernsehsendungen und stellt fest [die Herangehensweise des Autors], dass „Emergency Room“, „Seinfeld“ oder „Die Sopranos“ dem Publikum geistige Höchstleistungen abverlangen [konkrete Beispiele mit scheinbar krasser Behauptung] – viele Handlungsfäden sind parallel zu verfolgen, miteinander in Beziehung zu setzen und weitverzweigte Verweissysteme zu erschließen [Behauptung wird aufgelöst]. Reality-TV schult soziale Kompetenzen [krasse Behauptung], da es offensiv dazu auffordert, sich mit den Situationen emotional und lösungsorientiert auseinanderzusetzen [Behauptung aufgelöst]. „Sogar der Mist ist besser geworden“ – mit diesem Fazit rehabilitiert er als vergleichender Beobachter das gescholtene Fernsehprogramm. [nettes Apercu und Autorenhintergrund]
Bei den Computerspielen betrachtet er die erfolgreichen Genres – und kann daher die berüchtigten „Killerspiele“ außen vor lassen. [Behauptung, die zum Nachdenken anregen soll – kleiner Schlag gegen die alberne Debatte meinerseits] Was Johnson von anderen Autoren unterscheidet, ist sein Verständnis von Computerspielen und Online-Welt. [nächstes Thema und Würdigung des Autors bzw. Erklärung seiner Fähigkeit / Befähigung] Er vermag es, auch Nicht-Spielern die Faszination der Spielwelten zu vermitteln und die Lösungsstrategien zu analysieren. [es bleibt allgemein] Genauso wie Bücher vermögen es Computerspiele, die Nutzer in ihre Welt zu ziehen sowie emotional und intellektuell zu fesseln – und zu fördern. [das ist Johnsons Fazit; und in dieser Zuspitzung von Computerspielern sicherlich nicht verneint] Dies ist kein Buch gegen das Lesen, sondern die Aufforderung, scheinbar „niedere Kulturgüter“ erst zu prüfen, bevor man sie verdammt. [das war Johnsons erstes Kapitel]
Eine anregende, faktenreiche, unterhaltsame und fast ketzerische Lesefreude. [Fazit, das mit dem „ketzerisch“ Lust auf Lesen macht]

… nirgends ein Wort zum Stil des Autors. Schade, denn Johnson schreibt wirklich gut!

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